Street Art zwischen Revolte, Repression und Kommerz

„Was Street Art ausmacht, ist die politische Dimension in Form von Illegalität und der Aneignung von Stadt – viel mehr noch als ihr künstlerisches Erscheinungsbild. Dass diese Tatsache die Kunst vor der Kommerzialisierung nicht bewahrt, kann man in den letzten Jahren besonders gut an den Arbeiten von Banksy sehen“, sagt Rudolf D. Klöckner. Er setzt sich seit fünf Jahren mit der Entwicklung der Street-Art-Szene auf seinem Blog www.urbanshit.de auseinander. „Die Mauern und Hauswände auf denen der Künstler in der Stadt arbeitet, werden rausgeflext und finden sich zwei Tage später auf Ebay wieder, um danach in irgendeinen Wohnzimmern zu verschwinden. Das ist schade, entspricht aber auch irgendwie dem Zeitgeist und der Logik unserer kapitalistischen Gesellschaft. Im Wesen bleibt die Kunst vom Kommerz aber unberührt. Das macht mir Hoffnung.” Damit scheint die Entwicklung der Street Art treffend charakterisiert. Gerade in der Linken wird Street Art hauptsächlich mit einem rebellierenden Aufbegehren gegen die Verwertungsinteressen der Kulturindustrie in Verbindung gesetzt. Wenn sie aber in Galerien und Museen ausgestellt wird, steht der Vorwurf des kommerziellen Ausverkaufs und des politischen Verrats schnell im Raum.
Schablonenbilder, Tags und Graffitis werden meistens illegal auf Wände gebracht – meistens ohne explizit politische Aufstandsparolen. Dabei wird phantasiereich mit tradierten Sehgewohnheiten gespielt. So malt der englische Street-Art-Künstler Banksy einem Streetfighter statt Steine einen Blumenstrauß in die Hand. In Hamburg sprüht Walter F. alias OZ immer gleiche Smiley-Zeichen auf Rückseiten von Verkehrsschildern oder auf hässlich-graue Bunkerwände. Dafür saß er seit 1982 insgesamt über 8 Jahre im Gefängnis wegen fortgesetzter Sachbeschädigung. In Paris verziert Miss.Tic mit poetischen Pochoirs Häuserwände ganz in der situationistischen Tradition des Pariser Mai. Auch sie wurde dafür angeklagt.
„Es ist diese Leere, die ihre Kraft ausmacht“
Auf den Aufstand der Zeichen, wie Jean Baudrillard in seinem Buch „Kool Killer“ [1] geschrieben hat, reagieren die für Ordnung und Sauberkeit zuständigen staatlichen Organe meistens mit Verfolgung. Aber warum? Der französische Strukturalist liefert dafür gleich einen möglichen Grund: „Mit den Graffiti von New York wurden zum ersten Mal in großem Ausmaß und in höchst intensiver Freiheit die urbanen Bahnungen und beweglichen Träger benutzt. Aber vor allem wurden zum ersten Mal die Medien selbst attackiert, also in ihrer Produktions- und Verteilungsweise. Und zwar eben deshalb, weil die Graffiti keinen Inhalt, keine Botschaft haben. Es ist diese Leere, die ihre Kraft ausmacht [S. 29 f].“
Gerade am Beispiel von OZ lässt sich exemplarisch die Frage stellen, warum sich der repressive Verfolgungswahn auf ihn konzentriert. Andreas Blechschmidt von der OZ verteidigenden Anwaltskanzlei Beuth: „Er ist Erster unter Gleichen, weil er so beharrlich seinem Anspruch treu bleibt, dass der öffentliche Raum allen gehört und nicht der Werbeindustrie. Andererseits scheint OZ inzwischen im Kunstbetrieb angekommen zu sein, auch wenn er persönlich den medialen Auftritt meidet. Vielleicht ist das aber auch nur eine Frage der Zeit?“ Denn die Anwaltskanzlei muss bezahlt werden. Nicht zuletzt deshalb haben die OZM-Galerie und die Vicious Gallery Werke von OZ ausgestellt bzw. sich an der Herausgabe des Buches „Es lebe der Sprühling“ [2] beteiligt.
„So ein Adrenalinkick ist nur von kurzer Dauer“
Nachdem Miss.Tic [3] zu einer Strafe von damals 22.000 Francs verurteilt wurde, sagte sie sich, dass sie aufhören müsse ohne Genehmigungen zu arbeiten, da sie sonst beim nächsten Mal bereits als rückfällig gelten und ins Gefängnis kommen würde. „Ich bin ja nicht maso und so ein Adrenalinkick ist nur von kurzer Dauer.“ Da sie in der Zeit ihres Prozesses auch Politiker kennenlernte, die sich mit ihr solidarisierten, bekam sie bald darauf öffentliche Aufträge. „Ich bin sozusagen vom Status einer Straffälligen zum Status einer Künstlerin gelangt, deren Genehmigungsgesuche akzeptiert werden.“
Christoph Tornow von der sich auf Urban Art spezialisierten Vicious Gallery begründet die zunehmende Akzeptanz von Street Art mit dem sich verändernden Zeitgeist . „Mittlerweile sind junge Leute, die mit Graffitis aufgewachsen sind, nicht negativ und gegen Graffitis eingestellt, wie das noch vor 20 Jahren der Fall war. Graffitis sind ein Teil der Popkultur geworden. Selbst die Industrie möchte sich damit schmücken.“ Im Fall von OZ wäre zunächst einmal wichtig, dass er nicht länger kriminalisiert wird, um eines fernen Tages in den Museen und Kunsthallen der Stadt zur allgemeinen öffentlichen Bewunderung eingesperrt zu werden. Um das zu verhindern, bedarf es allerdings eines noch entschiedeneren Engagements auch derjenigen, die mit seiner Kunst bisher nichts anzufangen wissen.
KP Flügel
[1] Jean Baudrillard, Kool Killer, Berlin 1978
[2] Es lebe der Sprühling, Hamburg 2009
[3] Bomb it, Miss.Tic, Hamburg 2011


Patti Smith 1969 – 1976 Photographs by Judy Linn

In der Hamburger WHITE TRASH CONTEMPORARY werden vom 3. September bis 15. Oktober 2011 Fotografien von Judy Linn ausgestellt. Aus diesem Anlaß haben Jorinde Reznikoff und KP Flügel mit der Fotografin und dem Galeristen Nils Grossien Interviews geführt. Diese werden gesendet in der neopostdadasurrealpunkshow auf Radio FSK, Hamburg und Coloradio Dresden und sind auszugsweise hier zu hören.
Nils Grossien im Gespräch mit KP Flügel
Judy Linn im Gespräch mit Jorinde Reznikoff und KP Flügel

www.whitetrashcontemporary.com


Avantgardefestival 2011 – 24.-26. Juni in Schiphorst

Drei Tage Utopia

Eine Vielzahl von Künstlerinnen und Künstlern, Bands, Performance-Gruppen und Grenzgängern zwischen Kunst und Wissenschaft aus Europa und USA werden auch dieses Jahr das Avantgardefestival zu dem machen, was es dem Anspruch nach sein möchte: Eines der relevantesten Live-Events für experimentelle, Genre-übergreifende Künste in West-Europa zu sein oder wie es Chris Cutler einmal formuliert hat: „…drei Tage Utopia.“

Das Programm des diesjährigen Festivals

Faust (DMZ) .. :: OT :: (Hamburg) .. Aerosol (Berlin) .. Amaury Cambuzat (Italy/ France) .. Ax Genrich (Mannheim) .. DwanL (France) .. Birgit Ulher & Gregory Büttner (Hamburg) .. Black to Comm (Hamburg) .. Bornzero (Marburg) .. Das Unpreetzise Klang-Labor (Kiel) .. David Esparza (USA) .. derschlaeger (Austria/ Germany/ Switzerland) .. Dimhunger (Norway) .. DJ Silverwolf (Slovenia) .. Fall out Trio (Croatia) .. Günther Stolarz (Berlin) .. Halma (Hamburg) .. Hexenbrutal (Slovenia) .. Kakawaka (Berlin) .. Klaus Kinski (Wales) .. DJ Fuenfundvierzig .. Lina Paul (Berlin) .. Linn Halsvorsrod (Norway) .. Louise Dam Eckardt Jensen & Tom Blancarte (USA/ Danmark) .. Macu (Austria) .. Majmoon (Bosnia) .. Margitt Holzt (Hamburg) .. Martiensgohome (Belgium) .. Meeting of the Spirits (Berlin/ London) .. Naco (France) .. Nathan Siter (Finnland) .. Neopostdadasurrealpunkshow (Hamburg) .. Passierzettel (Hamburg) .. Peter Nicholson (Scotland) .. 2606° Fahrenheit (France) .. Ronny Waernes (Norway) .. y+x=ER y+x=ES (Italy) .. Somnambule (Kiel) .. Stadtfisch & Xyramat (Hamburg) .. The Ape (Hamburg) .. Toys’R'Noise (France) .. Triologue (Lübeck) .. VED (Sweden) .. Catherine Barcher .. Wenzlovar ( Berlin) ..

Außerdem wird Lutz Hieber, Mit-Herausgeber des Buches “Avantgarden und Politik”, von Jorinde Reznikoff und KP Flügel [neopostdadasurrealpunkshow] zu eben diesem Thema befragt. Intention ist es, zusammen mit den Festival-Besuchern den Begriff der Avantgarde zu klären und ihn auf seine Aktualität zu hinterfragen.

http://www.avantgardefestival.de/


Bomb it, Miss.Tic! Street Art zwischen Revolte und Kommerzialität

Miss.Tic: Street-Art zwischen Revolte und Kommerzialität am Beispiel der Pariser Künstlerin Miss.Tic

Jorinde Reznikoff und KP Flügel skizzieren Miss.Tics Feldzug durch gentrifizierte Stadt- und kommerzialisierte Kunsträume. Dabei geht es um den Widerspruch von Street Art als subversivem Ausdrucksmittel und der Galeriekunst als gleichermaßen profitverdächtiger Geldanlage wie bürgerlicher Reputation. Das wirft Fragen auf, die alle Kunstschaffenden angehen. Miss.Tic ist im Sommer zu einer ersten Ausstellung in Deutschland nach Berlin eingeladen und hat die aktuelle französische Sondermarke zum “Internationalen Frauentag” gestaltet.

Im Rahmen der “Lesetage selber machen – Vattenfall Tschüss sagen” vom 6.-15. April 2011

http://lesetage-selber-machen.blogspot.com/

Ort: Frappant, Kachelraum
Zeit: 13.4.2011 / Uhrzeit: 20 Uhr
Eintritt: frei

http://frappant.org/archives/2157

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Literaturperformance “Bomb It! Miss.Tic”
am Donnerstag 21. April um 20 Uhr
Ort: Das Magazin – Teilfeld 8
EINTRITT FREI
Jorinde Reznikoff und KP Flügel zeigen Bilder und Videos von der Graffiti Künstlerin Miss.Tic aus Paris. Außerdem spielen sie Audio-Files aus dem Interview, welches sie mit der Künstlerin geführt haben. Vor dem Hintergrund dieser multi-medialen Clips werden Werk und Person in all ihrer Widersprüchlichkeit skizziert.

Nach der Literaturperformance gibt es französische Electro, Dance und Avantgarde Musique.

Außerdem natürlich das druckfrische Buch über Miss.Tic und andere Sachen, die wir noch auf einem kleine Büchertisch präsentieren.

Eine Kooperation mit Art Laywer – http://www.art-lawyer.de/blog


Black Swan, der Film als Chance, Licht in das Dunkel des Ballett-Systems zu bringen

Der Film „Black Swan“ hat es geschafft, ein Thema in die öffentliche Diskussion zu bringen, das von Ballett-Fans entweder verdrängt oder bewusst ignoriert wird: das System des Missbrauchs. Die etablierte Film- und Kunst-Kritik hat es sich nicht nehmen lassen, den Leiter des Hamburger Balletts John Neumeier nach seiner Reaktion auf den Film zu befragen. So auch das Hamburger Abendblatt. Hier wird der in der Hansestadt euphorisch geliebte Ballettmeister immerhin von Armgard Seegers gefragt: „Wie wichtig ist Hungern für den Beruf?“ Woraufhin Neumeier kurz und knapp antwortet: „Magersucht ist eine Krankheit. Mit einer Krankheit ist diese Kunst nicht zu machen.“ Damit ist dann für die Interviewerin das Thema abgehakt.
Hätte die Abendblatt-Journalistin z.B. auf der Internetseite von Maja Langsdorff recherchiert, hätte sie dort lesen können: „Essstörungen sind im klassischen Ballett allgegenwärtig und werden doch totgeschwiegen. Hungern wird als notwendiges Übel akzeptiert und praktiziert. Denn Tanzen macht per se nicht schlank. Ein Balletttraining »kostet« nach Angaben der Sportmedizinerin Eileen Wanke ganze 250 Kilokalorien. Tanzen verbraucht wenig Energie. Das Training im klassischen Ballett – kurze Hochbelastung, viele Pausen – greift allein die Zuckerspeicher, nicht die Fettreserven an. Hungerei und Diäten aber sind die Einstiegsdroge für Essstörungen, Defizite steigern die Gier nach Essen, und die Sucht nach Leichtigkeit kann sich zur Magersucht verselbständigen.“ http://www.maja-langsdorff.de/medballe.htm
Das Problem des Missbrauchs ist, dass darüber erst öffentlich gesprochen wird, wenn die Betroffenen sich selbst zu Wort melden. Das geschieht aber aus Scham nicht, weil sich die Betroffenen nicht trauen oder weil deren Eltern sich vielleicht, weil sie sich mitschuldig fühlen, auch nicht trauen… Dass es aber am Hamburger Ballett einen Fall von Magersucht gegeben hat, das weiß ich aus eigenem Erleben…. Sicherlich – und das wäre dem Film wirklich zu wünschen – wird „Black Swan“ die Diskussion über das System des Balletts, in dem es darum zu gehen scheint, dass der Schmerz überwunden wird, weiter in Gang bringen. (kp fluegel)


Die IMagieNation der Begegnung – Iggy Pop, Denis Lavant, Guillaume Dépardieu und Sophie Blondy

Sophie Blondy, Elle et Lui au 14ième étageL’IMagieNation de la rencontre – Iggy Pop, Denis Lavant, Guillaume Dépardieu et Sophie Blondy

Timing parfait, ça tombe sur un 11 septembre – exactement 5 mois après cette journée inespérée et tant désirée de tournage avec Iggy Pop et Denis Lavant – notre entretien avec la cinéaste Sophie Blondy sur les buttes de Montmartre, sur les hauts desquelles elle nous raconte le parcours vers son deuxième long-métrage “L’Étoile du jour”. Le flash qu’elle a eu voyant une affiche des “Préliminaires” de faire danser Iggy – ce “cri de la vie” la conscience de Denis. Et finalement le réalisation laborieuse et si heureuse de ce rêve.

www.sophieblondy.com

Am 11. September 2010 – genau 5 Monate nach dem unverhofften Drehtag mit Iggy Pop und Denis Lavant, dem Anlass unseres Gesprächs – treffen wir die Filmregisseurin und -schauspielerin Sophie Blondy auf den Hügeln des Montmartre, wo sie uns erzählt, wie es dazu kam… Zu der Idee ihres zweiten Films “L’étoile du jour”, der Blitzidee, Iggy Pop das Gewissen von Denis Lavant tanzen zu lassen, und schließlich der Realisierung dieses Traums.
Ein stilles Feuerwerk von Begegnungen, gezündet und ins Leben getragen von Sophies visionärer Hartnäckigkeit und ihrem traumtänzerischen Wagemut.
Wundervolle Töne zwischen Charme und Melancholie, überstrahlt von einem der Spätsommertage, wie sie nur Paris zu bieten hat, untermalt von den beglückten Glocken des Sacré-Coeur…

Un hommage à Guillaume Dépardieu, qui amène Sophie dans “Elle et Lui au 14ième Ètage” – premier long métrage de Sophie – dans une barque vers cette maison hantée, qu’ils ne vont plus habiter… Images surréelles prémonitoires caressées par la tendresse… :
Nicht zuletzt eine Hommage an den frühverstorbenen Guillaume Dépardieu, der Sophie in “Elle et Lui au 14ième Ètage” in einer Barke zu dem geisterhaften Haus mäandert, in welchem beide nicht mehr wohnen werden. Surreale Bilder voll zärtlicher Trostlosigkeit und Ahnung in diesem ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm:

Inzwischen hat Sophie in Jean-Francois Fonlupt den Producer ihres Filmprojekts gefunden. Die abschließenden Dreharbeiten finden im Frühsommer nächsten Jahres statt.

By the magic of imagination those sounds will find ways…

Rencontre avec Iggy Pop sur la plage du Touquet - Videos vom Dreh:
http://www.lesinrocks.com/cine/cinema-article/article/rencontre-avec-iggy-pop-sur-la-plage-du-touquet


Miss.Tic

Miss.Tic: „Einfach werden ist kompliziert“ – Aspekte der Entwicklung der Street-Art skizziert am Beispiel der Pariser Künstlerin

Wenige Jahre nach der offiziellen Auflösung der Situationistischen Internationale 1972 macht sich die französische Künstlerin Miss.Tic daran, Techniken aus dem Verfremdungsrepertoire zu ihren individuellen künstlerischen Zwecken zu entführen. Das Umherschweifen in der Stadt, das Sprühen ihrer Schablonentextbilder auf die Pariser Mauern wird zum konspirativen Ausgangspunkt ihres kreativen Schaffens, das dem öffentlichen Aufsehen nicht entgehen soll. Die Umdeutung von Werbemotiven, besonders im Hinblick auf Selbst- und Fremddarstellung der Frau, ist ihr Sujet. Dieses Oeuvre findet heute die Anerkennung eines Publikums, das sich zusammensetzt aus Galeristen, Kunstkennern, Kunstförderern in Werbung, Industrie und Politik – und unermüdlich den
Pariser PassantInnen.

In ihrem Pariser Atelier trafen wir Miss.Tic zu einem Gespräch, welches sie ohne Umschweife auf die schnörkellose Darstellung ihres Lebenskampfes und kreativen Schaffensweges konzentrierte, in dem es allzu lange um das pure, nackte Überleben ging. Pragmatische Realität ist ihre
Geschichte vom migrantisch geprägten Kind der Pariser Banlieues, welches wortwörtlich auszog, um sich mit Esprit, Erotik und Energie einen Platz in der bürgerlichen Kunstgeschichte zu
erobern.

Ideologisierende Erklärungen ihrer Kreationen sowie theoretische Reflektionen über die Aufgabe der Künstlerin in der kapitalistischen Gesellschaft überlässt sie lieber denen, die sich dazu berechtigt oder berufen fühlen.

Wenn wir Miss.Tic sprechen hören, manifestiert sich in der bitteren, zuweilen aggressiven Zärtlichkeit ihrer Stimme eine sensible, verletzte Persönlichkeit voll rauher Herzlichkeit, für die der
künstlerische Ausdruck eine existenzielle Notwendigkeit in jeder Hinsicht und ohne Rücksicht bedeutet. Töne zwischen Poesie, Charme und Pragmatik – Kontrapunkte zu den ziselierten Bild- und Textaphorismen dieser comic-affinen Signatur „Miss.Tic“, die so viel verbirgt wie sie
enthüllt?

Entzieht sich diese elegant gestylte, stets perfekt geschminkte Persönlichkeit durch ihr unspektakuläres Auftreten in der direkten Begegnung nicht umso effektiver und überraschender?

Schablonenbilder sprechen im Negativ: Das Ausgelassene, die Leere wird sichtbar, von Miss.Tic meist unmissverständlich schwarz gesprüht – im Französischen heißt Sprühdose „bombe“… Plakative Gesten der Auslassung, die zu Denk- und Deutungsspielereien einladen. Miss.Tic
navigiert augenzwinkernd zwischen „Mystik“ und „Miss Tick“: „Mystik“ vom alt-griechischen „mystein“ meint Augenschließen, um besser zu sehen, das metaphysische Schauen ins immanente Sehen zu integrieren. „Miss Tick“ ist die französische Gundel Gaukeley, jene kleine
Entenhexe, die in den Donald-Duck-Comics so wütend wie sexy auf ihrem Besen der „fortune“ hinterher jagt. „Fortune“ alias Geld und Glück? Das allerdings ohne Glück, wie ihre Verwandte im Geiste wohl weiß.

„Your love don‘t pay my rent“, ein Songtitel der New Yorker Sängerin Lydia Lunch, kann als Maxime des kreativen Schaffens von Miss.Tic gelten. Von Anfang an hat sie die Absicht verfolgt, mit und von ihrer Kunst leben zu können. Denn von Luft und Liebe lässt sich die Miete für Atelier und Appartement nicht bezahlen. Für Miss.Tic hat sich nie die Frage nach dem Widerspruch von Street Art als subversivem Ausdrucksmittel und der Galeriekunst als gleichermaßen profit-verdächtiger Geldanlage wie bürgerlicher Reputationsstruktur gestellt. Von Anfang an waren die Anerkennung durch die offizielle Kunstszene und die Integration in die bourgeoise Kunstgeschichte ihr Ziel.

Jorinde Reznikoff und KP Flügel skizzieren Miss.Tic‘s libertinären Feldzug durch gentrifizierte Stadt- und kommerzialisierte Kunsträume, der auch die Frage stellt, ob von der Künstlerin weitere erotisierende Aufbrüche und revoltierende Durchbrüche zu erwarten sind?

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Einige Werke von Miss.Tic wurden vom Fond d’art contemporain de la ville de Paris und vom Victoria and Albert Museum, London, gekauft. Sie hat u.a. gearbeitet für Kenzo, Comme des garçons, UCAR, Louis Vuitton, außerdem hat sie die Filmplakate entworfen für Claude Chabrol und Jean Michel Carré.


Mediapart und rue89

In Paris schauten sich Jorinde Reznikoff und Klaus-Peter Flügel in den Redaktionen der Internet-Medien rue89 und mediapart um. Dort trafen sie Pierre Haski, einen der Gründer von rue89, sowie Yolande Laloum-Davidas, bei mediapart zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Beide Medien wurden gegründet von erfahrenen Journalisten. Pierre Haski hat von 1981 bis 2007 bei Liberation gearbeitet. Liberation, die 1973 von Jean Paul Sartre und Serge July gegründete Zeitung, die sich von einem Sprachrohr der Pariser 68er-Bewegung hin zu einem etabliert-linksliberalen Blatt entwickelt hat.
Bei Mediapart kommen die meisten Gründer aus der Redaktion von Le Monde, wie z.B. Edwy Plénel, der bei Le Monde insgesamt 25 Jahre lang Redakteur bzw. auch von 1996 bis 2004 Chefredakteur war.
Beide Projekte sind Resultat der Medienkrise und der Möglichkeiten, die das Internet bietet. Beiden Medien gelangen spektakuläre Stories. Rue89 publizierte u.a. ein Video, das Staatspräsident Sarkozy beim Ausrasten gegenüber den Mitarbeitern des französischen Fernsehens zeigte und mediapart hat die sog. Affäre Worth-Bettencourt ans Tageslicht gebracht. Bei dieser Affäre geht es um die illegale Finanzierung des Präsidentschaftswahlkampfes von Sarkozy durch den L’Oreal-Kosmetikkonzern.
Der entscheidende Unterschied beider Medien liegt in unterschiedlichen Finanzierungs-Konzepten. Bei Rue89 werden die Inhalte gratis ins Netz gestellt und die Finanzierung erfolgt über Werbeeinnahmen, bei mediapart sind die Mehrzahl der Artikel nur abrufbar, wenn der bzw die Userin ein Abonnement für € 9 pro Monat bzw. für € 90 im Jahr abschließt.

http://medienmagazin.net/nachhoren-medienmagazin-recherche-oktober-201

Themen im Oktober:

•Interviews mit den französischen Onlinemedien Rue89 und Mediapart
•Rangliste der Pressefreiheit – Interview mit Reporter ohne Grenzen [via]
•Studie: “Mehrsprachig und lokal. Nichtkommerzieller Rundfunk und Public Value in Österreich”


Jorinde Reznikoff und KP Flügel zu Gast bei Radio Libertaire

Radio FSK à Hambourg : Le neopostdadasurrealpunkshow

Jorinde Reznikoff et KP Flügel de Radio FSK — radio libre non-commerciale située à Hambourg — animent l’émission neopostdadasurrealpunkshow tous les 2èmes et 4èmes jeudis du mois, de 17 à 19 heures.

Leur émission, neopostdadasurrealpunkshow, « se consacre aux racines et aux reflets actuels des mouvements dada, surréaliste, punk, mais aussi situationniste et avant-gardiste dans le sens le plus controversé, sapant fausses évidences et préjugés tenaces avec délice. Ceci de préférence sous forme d’entretiens, profitant du luxe de la parole libre. »

Dans le dernier n° de Barricata, ils ont fait un portrait d’Erich Mühsam, l’écrivain et poète anarchiste, qui s’est battu pour la République des Conseils à Munich aux côtés de Traven.

Jorinde et KP préparent également un spectacle-performance, « En bateau des morts à travers les nuits des temps — hommage à Ret Marut/B.Traven » qui se compose de sons, de lectures et de chants du chaos. La première aura lieu à Toulouse dans le cadre du festival « L’îlusion de l’imperfection ». http://lile.asso.fr/

Dans l’édition actuelle (n° 200, juillet/août) du journal anarcho-syndicaliste direkte aktion, Jorinde Reznikoff et KP Flügel remettent en discussion avec Marcus Munzlinger forme et raison d’être d’art et de culture libertaire, partant du manifeste « Art prolétaire » de l’artiste dada Kurt Schwitters :

« Un mouvement artistique réservé à une certaine classe d’êtres humains, n’existe pas. Et même s’il existait, il n’aurait aucune importance pour la vie. »

Place donc à l’art sans hiérarchie et à la culture libertaire !

http://www.direkteaktion.org/200/kunst-kultur-da-interview


Klaus Lemke:”and cut” – ein Blick hinter die Fassade eines Film-Provokateurs

Klaus Lemke haben wir kurz nach den Dreharbeiten zu seinem in Hamburg spielenden Anti-Drogen-Film “Dancing With Devils” interviewen können. In diesem fasst neunzig Minuten dauernden Interview entwickelt er seine Sichtweisen auf den deutschen Film, die deutschen Regisseure, die er als “Wichser” bezeichnet, und er hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die Abschaffung der Filmförderung. Diese Forderung hat er jüngst in seinem sog. Hamburger Manifest wiederholt.

Aus Anlaß seines 70. Geburtstages überschlägt sich das Feuilleton von taz bis FAZ mit überschwänglichen Würdigungen. Da ist sicherlich zu Recht die Rede davon, “dass er noch immer Jahrzehnte jünger ist als seine jüngeren Kollegen”, so Michael Althen in der FAZ vom 11.10.2010.

Doch wer ist Klaus Lemke, der Mann unter der Schiebermütze, der sich auf Filmpremieren nur zu gern in Begleitung ultraerotisch posierender Schönheiten zeigt? In unserem Gespräch ist sicherlich eine Ahnung davon zu spüren, was ihn geprägt, beeinflusst haben könnte. Denn er kann auch anders, als in die sattsam bekannte Rolle des Provokateurs zu (ver-)fallen.

Das Interview kann gegen einen Kostenbeitrag von € 18,00 bestellt werden:
neopostpunk@fsk-hh.org